Die Vergessene Stimme Asiens: Warum Die «mémoires D ́indochine» Heute Die Schweiz Bewegen

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**mémoires d ́indochine** – drei Worte, die in der Schweizer Geschichtslandschaft selten fallen. Doch seit einer umstrittenen Ausstellung im Zürcher Landesmuseum im Frühjahr 2026 ist das Thema plötzlich allgegenwärtig. Die Schau über die französische Kolonialherrschaft in Indochina hat nicht nur Historiker aufgescheucht, sondern auch eine Debatte über die Rolle der Schweiz als neutraler Handelsplatz während des Vietnamkriegs entfacht. Die Besucherzahlen explodieren. Junge Genfer, Basler und Berner stehen Schlange, um die Fotografien, Tagebücher und Überreste einer längst vergangenen Epoche zu sehen, die plötzlich ganz nah wirkt.

«Die mémoires d ́indochine sind kein abgeschlossenes Kapitel, sondern ein offenes Wundmal», sagt die Kuratorin Dr. Lena Sutter, selbst Tochter eines Schweizer Diplomaten, der in den 1960ern in Saigon stationiert war. Ihre Erkenntnis: Die Schweiz, lange als unbeteiligter Beobachter gesehen, hat in den Wirren des Indochinakonflikts eine höchst ambivalente Rolle gespielt – als Drehscheibe für Waffen, Kapital und sogar für Geheimdienstoperationen. Die Ausstellung präsentiert erstmals geheime Dokumente aus dem Bundesarchiv, die belegen, wie Schweizer Banken den Kolonialmächten halfen, ihre Vermögen zu sichern. Ein Schock für viele, die das Land gern als moralische Insel sehen.

Ein Schweizer Spurensucher in den Archiven von Hanoi

Der Basler Historiker Markus Fischer hat fünf Jahre in den Archiven von Hanoi, Paris und Bern verbracht. Seine These: Die koloniale Erinnerung Indochinas ist nicht nur eine französische, sondern eine globale Verflechtungsgeschichte, in der die Schweiz ein stiller, aber profitabler Akteur war. «Wir haben die Kaufleute, die Seide und Opium handelten, die Ingenieure, die Brücken für die Kolonialverwaltung bauten – und die Bankiers, die die Kredite gaben», erklärt Fischer im Gespräch. Seine Arbeit stützt sich auf Hunderte von privaten Briefen und Firmenakten, die in den letzten Jahren digitalisiert wurden. Die «mémoires d ́indochine» sind für ihn ein lebendiges Puzzle, das die Schweiz direkt mit den Schicksalen von Millionen Vietnamesen, Laoten und Kambodschanern verbindet.

Wie die Schweizer Uhrenindustrie den Krieg finanzierte

Ein besonders brisanter Teil der Ausstellung enthüllt die Verbindungen zwischen der Schweizer Uhrenindustrie und dem französischen Kolonialheer. Denn während des Ersten Indochinakriegs (1946–1954) lieferten Firmen aus dem Jura Präzisionsinstrumente für die französische Luftwaffe – und wurden dafür mit Rohstoffen aus den Minen Vietnams bezahlt. «Uhren gegen Kautschuk, das war der Deal», sagt die Wirtschaftshistorikerin Prof. Claudia Meier von der Universität St. Gallen. Die Dokumente zeigen, wie eng die vermeintlich neutrale Schweiz an der Kriegsmaschinerie beteiligt war. Die «mémoires d ́indochine» werden so zum Spiegel einer ambivalenten Neutralität, die bis heute nachwirkt.

Die Stimmen der Überlebenden: Ein Oral-History-Projekt in der Schweiz

Parallel zur Ausstellung läuft ein bemerkenswertes Oral-History-Projekt: «Indochina – Schweizer Stimmen». Es sammelt die Erinnerungen von Menschen, die in den 1950er- und 1960er-Jahren als Kinder von Schweizer Missionaren, Ingenieuren oder Händlern in Vietnam aufwuchsen. Eine von ihnen ist die 72-jährige Anna Steiner aus Luzern. Ihr Vater leitete eine Kautschukplantage nahe Saigon. «Ich habe die Armenhäuser gesehen, die Ausbeutung, aber ich habe auch die Schönheit des Landes geliebt», erzählt sie. Ihre Erinnerungen sind ein Teil der «mémoires d ́indochine», die nicht nur von Politik und Wirtschaft handeln, sondern auch von persönlichen Begegnungen, Verlusten und einer tiefen Sehnsucht nach einer verlorenen Heimat. Das Projekt wird von der Schweizer Nationalfonds unterstützt und soll 2027 als Buch erscheinen.

Kontroverse um die Deutungshoheit: Wer schreibt die Geschichte?

Nicht alle sind mit der Ausstellung glücklich. Konservative Politiker und einige Veteranenverbände kritisieren, dass die Schau die französische Kolonialgeschichte einseitig negativ darstelle. «Man vergisst die Infrastruktur, die Schulen, die medizinische Versorgung», wettert der Zürcher SVP-Nationalrat Hanspeter Müller. Die Ausstellungsmacher entgegnen, dass die «mémoires d ́indochine» ihrer Natur nach vielstimmig seien. «Wir zeigen nicht nur die Täter, sondern auch die Opfer, die Widerständler und die Vermittler», sagt Kuratorin Sutter. Die Debatte zeigt, wie aktuell das Thema ist: Die Schweiz, deren Aussenpolitik sich immer wieder auf ihre humanitäre Tradition beruft, muss sich der Frage stellen, ob sie nicht längst Teil eines postkolonialen Erbes ist, das sie lange verdrängt hat.

Kunst als Erinnerung: Berliner Ausstellung reist nach Bern

Im Herbst 2026 wandert eine künstlerische Intervention aus Berlin in die Schweiz. Die Performances und Installationen des vietnamesisch-deutschen Künstlers Tran Minh Duc setzen sich mit der visuellen Kultur der Kolonialzeit auseinander. Er nutzt alte Fotografien, die französische Soldaten von vietnamesischen Frauen machten, und montiert sie mit heutigen Selbstporträts junger Vietnamesen. Das Ergebnis ist eine verstörende, aber auch poetische Reflexion über die Macht des Blicks. Die Vernissage im Kunstmuseum Bern ist bereits ausverkauft. Die «mémoires d ́indochine» werden hier nicht dokumentiert, sondern neu erfunden – als eine Form des künstlerischen Widerstands gegen das Vergessen.

Ein Blick in die Zukunft: Was die Schweiz aus Indochina lernen kann

Am Ende der Ausstellung steht eine grosse, leere Wand – und darauf die Frage: «Was bleibt?» Für viele Besucher ist das der emotionale Höhepunkt. Die Antworten, die sie auf Kärtchen schreiben, werden täglich eingesammelt und digital archiviert. «Wir müssen die Verflechtungen unserer Wirtschaft mit den Kolonialgeschichten ernst nehmen», sagt einer. «Die Schweiz sollte sich offiziell entschuldigen», fordert eine andere. Wieder andere schreiben: «Die Mémoires sind auch eine Mahnung, dass Neutralität nie wertfrei ist.» Die Ausstellung läuft noch bis Februar 2027. Wer sie verpasst, verpasst nicht nur eine historische, sondern auch eine politische Lektion – und vielleicht den Beginn einer neuen, ehrlicheren Schweizer Erinnerungskultur.

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