Schweizer Gastfreundschaft: Wie Ein Interfaith Hospitality Network Gemeinden Verbindet

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**interfaith hospitality network** – ein Begriff, der in der Schweiz seit 2024 an Fahrt gewonnen hat. Was als lokale Initiative in Zürich begann, ist heute ein landesweites Projekt, das Menschen unterschiedlicher Religionen und Kulturen zusammenbringt. Die Idee: Gastgeber aus christlichen, muslimischen, jüdischen und anderen Gemeinschaften öffnen ihre Türen für Reisende, Geflüchtete oder einfach für Neugierige. Es geht nicht um Tourismus, sondern um echte Begegnung. In einer Zeit, in der Polarisierung auch in der Schweiz zunimmt, setzt dieses Netzwerk auf Vertrauen und persönliche Erfahrung. Die Schweiz, ein Land mit vier Amtssprachen und einer wachsenden Vielfalt an Glaubensrichtungen, bietet dafür den perfekten Nährboden.

Doch wie funktioniert das in der Praxis? Das **interfaith hospitality network** vermittelt Übernachtungen bei Familien, die ihre Religion und ihren Alltag teilen möchten. Kein Hotel, keine Bezahlung – nur Gastfreundschaft. Die Plattform, die von einer interreligiösen Arbeitsgruppe in Bern mitentwickelt wurde, prüft Hosts und Gäste gleichermassen. Ein Matching-System berücksichtigt nicht nur religiöse Hintergründe, sondern auch Sprachen, Allergien und zeitliche Verfügbarkeit. Besonders in ländlichen Regionen wie dem Wallis oder Graubünden, wo traditionelle Kirchgemeinden schrumpfen, hat das Netzwerk neuen Schwung in die Gemeindearbeit gebracht. Die Nachfrage steigt – allein im letzten Jahr haben sich über 800 Schweizer Haushalte als Gastgeber registriert.

Von der Idee zur Bewegung: Die Ursprünge in der Schweiz

Das Netzwerk entstand nicht im stillen Kämmerlein, sondern aus einer konkreten Notlage heraus. 2023, nach den starken Regenfällen und Erdrutschen im Tessin, boten viele Familien spontan Unterkunft für Evakuierte an. Pfarrer, Imame und Rabbiner in Lugano koordinierten sich. Aus dieser Ad-hoc-Hilfe wurde eine Struktur. Heute trägt die Bewegung den Namen "Lessico di Pace" – ein Verweis auf die Mehrsprachigkeit der Schweiz. Die Gründerinnen, eine reformierte Theologin und eine muslimische Sozialarbeiterin, betonen: "Wir wollen nicht missionieren, sondern neugierig machen." Das Konzept ist simpel, aber radikal: Man schläft bei Fremden, die anders glauben, und geht gestärkt daraus hervor.

Wie die Vermittlung abläuft – ein Blick hinter die Kulissen

Die Anmeldung ist niederschwellig. Gäste füllen ein Online-Formular aus, Hosts werden von lokalen Koordinatoren besucht. Sicherheit steht an erster Stelle. Jeder Host wird persönlich interviewt, Referenzen werden eingeholt. Ein Beispiel aus Basel: Eine jüdische Familie empfängt regelmässig muslimische Gäste aus dem Balkan. Sie kochen koscher, die Gäste bringen halal-Speisen mit – ein kulinarischer Austausch, der oft in tiefe Gespräche mündet. Die Plattform bietet auch einen Ethik-Kodex: Keine politischen Diskussionen beim ersten Abendessen, Respekt vor Gebetszeiten, und immer ein offenes Ohr. Die Vermittlung ist kostenlos, Spenden sind willkommen. Das System lebt von Freiwilligenarbeit – und von der Offenheit der Schweizer Bevölkerung, die in Umfragen grosse Zustimmung zeigt.

Erfolgsgeschichten aus dem Berner Oberland und der Westschweiz

Im Kanton Waadt, in der Gemeinde Lausanne, hat ein syrisch-orthodoxer Priester eine ganze Woche lang buddhistische Mönche beherbergt. "Ich dachte, wir haben nichts gemeinsam", sagt er. "Aber am Ende sassen wir zusammen und meditierten – auf seine Art, auf meine Art." Im Berner Oberland, in einem kleinen Dorf nahe Interlaken, öffnet eine hinduistische Familie aus Sri Lanka ihr Haus für christliche Wanderer. Sie bieten Tee an, erklären ihre Tempelrituale. Solche Begegnungen bleiben nicht folgenlos: In mindestens drei Gemeinden haben sich daraus interreligiöse Gesprächskreise entwickelt, die regelmässig tagen. Die Erfolgsquote ist hoch: Über 90 Prozent der Gäste bewerten den Aufenthalt positiv, viele bleiben in Kontakt.

Herausforderungen: Misstrauen, Sprachbarrieren und Finanzierung

Doch es gibt Hürden. Nicht alle Schweizerinnen und Schweizer sind offen für das Konzept. In manchen konservativen Kreisen wird die Gastfreundschaft mit Migration und Asylpolitik vermischt. "Manche denken, wir würden illegale Einwanderung fördern", sagt eine Koordinatorin aus dem Aargau. Dabei geht es explizit nicht um Asyl, sondern um temporäre Begegnungen. Auch die Finanzierung ist ein Dauerbrenner. Das Netzwerk ist auf Spenden angewiesen, die öffentliche Hand gibt nur zögerlich Gelder. Die Sprachbarriere bleibt ein Thema: In der mehrsprachigen Schweiz müssen Formulare auf Deutsch, Französisch, Italienisch und Rätoromanisch verfügbar sein. Ein ehrenamtliches Übersetzerteam arbeitet rund um die Uhr.

Die Rolle der Kantone: Von Genf bis St. Gallen

Die Kantone reagieren unterschiedlich. Genf, geprägt von internationaler Diplomatie, unterstützt das Netzwerk mit einem eigenen Büro für interreligiösen Dialog. St. Gallen hingegen lässt die Initiative weitgehend in Eigenregie laufen. In Zürich gibt es eine Kooperation mit der städtischen Integrationsförderung. Die Unterschiede zeigen, wie föderalistisch die Schweiz tickt. Einheitliche Standards gibt es nicht. Das Netzwerk arbeitet mit lokalen Kirchen, Moscheen und Synagogen zusammen – und mit säkularen Organisationen. Die Vielfalt der Ansätze ist eine Stärke, aber auch eine Herausforderung für die Koordination. Ein zentrales Anliegen ist die Anerkennung als gemeinnützige Organisation, die steuerlich absetzbare Spenden ermöglicht – ein langwieriger Prozess.

Ausblick 2026: Wachstum, Digitalisierung und ein neues Pilotprojekt

Für 2026 plant das interfaith hospitality network eine grosse Expansion. Eine neue App mit integriertem Übersetzungsdienst soll die Sprachbarrieren senken. Zudem startet ein Pilotprojekt in der Romandie, das speziell auf junge Erwachsene abzielt: "Hospitality Camps", bei denen Gruppen von 20 bis 30 Personen eine Woche lang bei Gastfamilien in verschiedenen Kantonen leben. Die Nachfrage ist riesig. Die Initiatoren hoffen, dass das Netzwerk bis 2028 in allen 26 Kantonen vertreten ist. Der Erfolg hängt von der Zivilgesellschaft ab, sagen sie. Und von der Bereitschaft, sich auf das Fremde einzulassen. Einfach nur zu reden, reicht nicht. Man muss auch schlafen gehen – im Haus des anderen.

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